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Daniel Tammet
Die Poesie der Primzahlen

Gleich vorweg: Tiefgreifende Erkenntnisse über Primzahlen gibt es in diesem Buch nicht. Diese sind lediglich eine Randerscheinung eines einzigen Kapitels, in dem die Reimstruktur bestimmter regelmäßiger Gedichte untersucht wird. Das ist an sich zwar durchaus interessant, aber damit ist der deutsche Titel etwas irreführend. Der Originaltitel „Thinking in Numbers” ist leider ebenso nichtssagend. Es fiele aber auch schwer, einen aussagekräftigen Titel für dieses Buch zu finden, denn seine 25 Kapitel folgen keinem erkennbaren roten Faden, sondern sind eine lose Sammlung amüsanter, unzusammenhängender Essays.

Deren Themen sind durchaus spannend: Shakespeares Faszination der (damals noch neuen) Zahl Null, der Vergleich von Tolstois „Krieg und Frieden” mit der Infinitesimalrechnung oder die Betrachtung utopischer Stadtkonzepte eröffnen auch für „Mathematikveteranen” bisher unbekannte Blickwinkel.

Anderes wirkt dagegen wie eine uninspirierte Pflichtübung: Aufzählungen diverser antiker griechischer Philosophen, die Anzahl der Stellungen im Schach oder die Bewunderung der vielgerühmten Einzigartigkeit von Schneeflocken. Dem kann auch Tammets einnehmender Erzählstil nichts Neues entlocken. Und insbesondere die immer wieder eingestreuten „Kindheitserinnerungen” des Autors wirken in ihrer poetischen Ausdrucksweise fehl am Platz und manchmal geradezu unglaubwürdig konstruiert. Zum Beispiel gleicht eine Anekdote frappierend genau der bekannten Fabel vom Wettrennen zwischen Achilles und der Schildkröte.

Fast allen Kapiteln gemein ist der starke historische oder (auto-)biografische Fokus. So erfahren wir im Kapitel „Himmelhoch” viel über Georg Cantors Lebensumstände und seinen Briefwechsel mit dem Papst – nebst einem ausführlichen historischen Abriss der schwierigen und vielfältigen Definitionen von Unendlichkeit im religiösen Kontext. Die Begründung der modernen Mengenlehre und die Bedeutung der Überabzählbarkeit werden dagegen sehr kurz und oberflächlich abgehandelt.

In einem anderen Kapitel schildert der Autor detailgetreu auf über zehn Seiten, wie er einst den Weltrekord im Auswendiglernen von π mit 22,514 Dezimalstellen gewann, und was dabei in seinem Kopf vorging. Der Zahl π selbst, ihrer Transzendenz und mannigfaltigen Bedeutungen sind weniger als halb so viele Seiten gewidmet. Dies ist auch die einzige Stelle im Buch, an der kurz die ausgeprägte Inselbegabung des Autors besprochen wird. Wer speziell darüber mehr erfahren möchte, sollte sich lieber dessen frühere Bücher ansehen.

„Die Poesie der Primzahlen” ist ein vielfältiger und eloquent geschriebener Streifzug durch die schönen Seiten der Mathematik – aber leider auch nicht mehr als das. Seichte, „leicht verdauliche” Unterhaltung für nebenbei. Und das ist vollkommen in Ordnung, mehr darf man aber nicht erwarten.

Empfohlen allen Mathematik-Historik-Interessierten sowie denjenigen, die sich in schön gesetzten Worten an dem erhabenen Gefühl laben möchten, dass die Mathematik in wunderbarer Weise jede Faser unseres Seins durchdringt.


Kurzinfo

Daniel Tammet
Die Poesie der Primzahlen

Bastei Lübbe · 2014.
1. Auflage, 318 Seiten. Taschenbuch.
ISBN 978-3-404-60848-5. €8,99.
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